Es gibt nicht viele Dinge, bei denen wir uns so leicht etwas vormachen, wie hier.
Im Allgemeinen betet der Mensch nicht gern. Er empfindet dabei leicht Langeweile, eine Verlegenheit, einen Widerwillen, geradezu eine Feindseligkeit. Alles andere erscheint dann reizvoller und wichtiger. Er sagt, er habe keine Zeit, und das und jenes sei dringlich: sobald er aber daraufhin das Gebet verlassen hat, kann er die überflüssigsten Dinge tun. Der Mensch muss aufhören, Gott und sich selbst zu belügen. Viel besser, er sagt ganz offen: "Ich will nicht beten", als dass er solche Listen anwendet. Viel besser, er verschanzt sich auch nicht hinter Rechtfertigungen, wie, dass er zu müde sei, sondern erklärt rundherum: "Ich habe keine Lust". Das klingt dann nicht sehr schön, und die Kümmerlichkeit liegt zutage; aber es ist die Wahrheit, und auf ihr führt der Weg viel leichter voran als auf Verschleierungen. Romano Guardini
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